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Wenn man sein Leben in Drittel einteilt, dann sind bei mir jetzt genau zwei Drittel vorbei. Meine Mutter ist jetzt 87 und ihr Leben endet gerade. Sie ist 29 Jahre älter als ich. Vor 29 Jahren war ich 29. Die ersten 29 Jahre sind im Verhältnis wesentlich langsamer vergangen als die letzten 29. Weil sich da die Linien gelegt haben; also der Charakter, die Schwächen, die Stärken, die Wünsche, bla, bla, bla… Eigentlich wäre das der Zeitabschnitt, an dessen Ende man erwachsen wird. Im zweiten Drittel baut man all das aus, was man sich so an Skills draufgeschafft hat; macht Karriere, gründet eine Familie oder eben auch nicht. Das eine oder das andere nicht oder beides nicht oder beides doch. Je nachdem, was man für ein Typ Mensch ist, oder wie die Startmöglichkeiten ins Leben so sind. Vor ca. 100 oder 120 Jahren war Ende des zweiten Drittels eigentlich schon langsam Schluss. Frauen waren dann in der Regel „Omas“ und kurz vor der Rente. Ich weiß noch, bzw. ich weiß es von alten Fotos, dass meine griechische Oma 62 Jahre war und ich so ca. eineinhalb. Das war 1969. Und sie sah auch aus, wie eine Oma damals so aussah: grauhaarig, ungeschminkt, irgendwie figurlos mit chubby ankles – und sehr lieb. Meine andere Oma war bei meiner Geburt erst 54! Also vier Jahre jünger als ich jetzt. Und sie war damals schon eine dreifache wirkliche Oma. Ich habe sie erst sechs oder sieben Jahre später wirklich kennengelernt, als sie ausreisen durfte von Drüben - aus der Ostzone, wie die alten Leute das damals nannten. Und weil sie unter der Woche eigentlich immer eine Kittelschürze trug, kann man sagen, dass sie doppelt Oma war. Rein wegen der Enkel und eben auch vom Outfit her, befand sie sich irgendwie schon im letzten Drittel ihres Lebens. Sie ist aber 99 geworden – also rein rechnerisch war sie noch nicht mal am Ende des zweiten Drittels – wenn Sie mir folgen können… Sie wurde aber bereits mit Anfang, Mitte 80 dement und ihre letzten 10 Lebensjahre konnte sie eigentlich nicht mehr viel außer Essen und schlafen und liegen. Wie gelebt diese Jahre dann für sie waren, kann ich nicht beurteilen. Schön aber sicherlich nicht. Wenn ich mir jetzt vorstelle, anhand des Alters meiner Mutter, dass jetzt das letzte Drittel meines Lebens beginnt, gibt mir das schon ein merkwürdiges Gefühl. Meine Mutter kann bereits seit zwei Jahren, aufgrund eines Schlaganfalls sehr viel weniger als man sich das im Alter wünscht und seit einer Weile kann sie auch nicht viel mehr als meine Oma damals. Da beginnt man schon, sich mit diesem Abschnitt zu beschäftigen, auch wenn man überhaupt keinen Bock drauf hat. Ich habe bis vor einigen Jahren, sagen wir bis ich 52 war, überhaupt nicht gedacht, dass ich – höchstwahrscheinlich – schon weit über die Lebensmitte hinaus bin. Das mir das bewusst wird, ist jetzt eine neue Qualität. Und die Sprüche: „Solange man fit ist…“ und „man ist so jung, wie man sich fühlt…“ oder „Schau dir Iris Berben an!“ oder Meryl Streep oder Pamela Anderson! (Obwohl die ist ja genauso alt ist wie ich aber extrem gutaussehend und ungeschminkt) - diese Sprüche kann man ja nur so lange anwenden, bis die auch sterben (ja, sogar die Stars tun das. Was die Sache noch schlimmer macht). Und woran orientiert man sich dann? An den Jüngeren…? Hm… Vielleicht schon aber die haben ja keine Ahnung vom letzten Drittel. Putin will jetzt mit Hilfe der Genetik oder irgend so nem Verjüngungsdude 150 Jahre alt werden. – Der wird schon sehen, was das bringt. Also: Letztes Drittel. Was sind die Träume? Die Träume der meisten? Meine …? … ein Haus am Meer, mit kleinem Café, das nur betrieben wird, wenn man Lust drauf hat und Saison ist. Die Freunde kommen spontan mit ihren Freundinnen zu Besuch, die Kinder, der Mann... Es ist Platz für alle, irgendwie. Das Haus ist alt und eine Treppe führt direkt runter zum feinsandigen Strand mit dem wilden Wellenschlag des Atlantiks. Ich lerne Französisch im Sommerkurs und komme jede Saison voran. Ich streiche die Wände bunt in Pastell. Hippie, Hippiyayay! Die gemauerte Terrasse ist voller Sand und es wird ausschließlich da gefrühstückt, weil’s herrlich ist. Da bleibt man sitzen mit den Freunden, trinkt Kaffee, raucht, knabbert am Baguette, bis man sich entscheidet runter zum Strand zu gehen. Das kleine Café wirft genau so viel ab, dass man davon abends gut Essen gehen und die laufenden Kosten decken kann. Und wenn es wolkig ist oder der Sommer zu Ende geht, macht man einfach zu. Und Mitte September fährt man zurück. In die Stadt, in eine kleine Wohnung. Da macht man ein bisschen Geschäftliches, ein bisschen Kunst und trifft alle Menschen, die einen vermisst haben über den Sommer… Aber STOP! Irgendwie ist da eine Lücke!!! Und die ist JETZT!!!
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Mindestens haltbar bis...
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